Carsten Rossi im Interview zum Thema „digitales Leben“ auf dem Barcamp 2018 in Hannover

Auf dem Barcamp 2018 in Hannover haben wir dieses Mal Carsten Rossi getroffen. Er ist Geschäftsführer von Kammann Rossi, einer Agentur für Content-Marketing und Corporate Publishing in Köln. Carsten ist seit über 20 Jahren im Geschäft und hat einiges gesehen. Trotzdem oder gerade deswegen sind ihm digitale Trends wichtig. Er liebt es, sich mit neuen Technologien zu beschäftigen. Mit uns hat er über das digitale leben von heute, morgen und übermorgen gesprochen und auch spannende Einblicke in die Agentur-Arbeit gegeben.

Hallo Carsten. Magst du dich kurz vorstellen? Wer bist du, was machst du?

Klar, also ich bin Geschäftsführer einer Agentur – na so eine Überraschung – aus Köln, die nennt sich Kammann Rossi. Mein Name ist Carsten Rossi, insofern bin ich einer der beiden, dem diese Agentur gehört. Heute bin ich aber sozusagen nicht als Kölner hier. Wir haben übrigens auch ein eigenes, schönes Barcamp in Köln. Das ist im September. Gruß an Stephan, falls du das siehst.

Ich begleite heute einen unserer Kunden und zwar 2025 AD. Ich habe heute im Workshop ein wenig bei der Moderation geholfen.

Und aus dieser Session kommt ihr jetzt gerade. Wie war’s denn?

Es war großartig. Wir waren wirklich ein bisschen überwältigt. Mein Kunde Stephan [Stephan Giesler, Continental; Anm. d. Redaktion] hat es schon vorhergesagt, dass jeder eine Meinung zum Thema der Session, automatisiertes Fahren, hat.

Wir haben so ein paar Kärtchen verteilt und haben gehofft, ein bisschen Feedback zu bekommen zu den Vor- und Nachteilen der Technologie. Wir wollten Insights sammeln. Am Ende hatte jeder im Raum mindestens zwei Karten und es kamen alle nach vorne. Die Boards, an denen die Karten angeheftet wurden waren schnell voll und wir hatten nachher gar keine Zeit mehr, die Meinungen zu clustern. Wir haben also sehr viel Feedback bekommen, das war toll. Wir haben auch viel diskutiert. Es hat einfach nur Spaß gemacht.

Du hast auf den Content Marketing Masters im vergangenen Jahr eine Session mit der Überschrift “Mehr Risiko für alle oder: Wie Agenturen und Kunden mehr Geld verdienen” gegeben. Gerade deine Ansichten zum Thema auf Augenhöhe mit Kunden sein teilen wir beim E-Team auch. Warum ist dir persönlich die Augenhöhe so wichtig? Kannst du uns einen kleinen Einblick in deinen Vortrag geben?

Also ich glaube, der Grund, warum ich die Dinge so sehe, ist eine Frage des Alters. Ich habe wirklich gar nichts Anständiges gelernt. Ich habe Literaturwissenschaften studiert und dann mit Mitte 20 meine erste Agentur gegründet. In diesem Jahr werde ich 50, das heißt ich mache das jetzt schon ziemlich lange. Was mir auffällt, wenn ich einen groben Querschnitt durch all unsere Projekte nehme, ist: in den Situationen, in denen eine Agentur nicht nur Dienstleister, sondern Partner ist, das heißt, wenn mich mein Gegenüber ernst nimmt, leiste ich bessere Arbeit. Natürlich habe ich eine Dienstleistungsfunktion. Jemand hat eine Aufgabe und ich erledige die, übernehme sie also für ihn. Ich bin aber dann wesentlich besser darin, wenn ich zum Beispiel einfach zum Kunden gehen und sagen kann: “Hör mal, dein Vorschlag ist Mist und dein Briefing leider auch. Lass uns doch nochmal an eine Tisch setzen, denn wir haben beide ein Interesse daran, dass das klappt.”

Das muss ich ganz klar sagen. In den letzten 25 Jahren – mein Gott klingt das alt – waren wirklich all die Projekte gut, in denen ich offen mit den Beteiligten reden konnte. Ich zähle auch 2025 AD dazu, ansonsten wäre ich an diesem Wochenende nämlich gar nicht hier. Das Wort Augenhöhe ist zwar schon wieder etwas ausgelutscht, aber es ist wichtig.

Aber du hast ja eigentlich nach einem kleinen Einblick in meinen Vortrag gefragt. Der Witz ist nur, man kann sich nicht hinstellen und dem Kunden sagen: “Nimm mich doch ernst!” Ich meine, wir alle wissen, wie Agenturen funktionieren. Jedes wirtschaftlich agierende Unternehmen versucht Risikominimierung zu betreiben. Ich habe es in meiner Karriere schon oft genug erlebt, dass irgendwelche Berater zu mir kommen und sagen: “Naja, das musste ja schief gehen. Der Kunde hat so schlecht gebrieft. Das musst du dem jetzt sagen!” Da denke ich immer: “Wenn du ein mieses Briefing bekommst, dann kannst du ihm das doch sagen.”

Es ist ja häufig so ein Finger-Pointing, mit dem man im Agenturgeschäft konfrontiert wird. “Der Kunde ist doof. Kein Wunder, dass wir den Etat verloren haben.” Das ist aber der falsche Ansatz. Ich will jetzt nicht sagen, dass wir jetzt immer für den Kunden in die Bresche springen müssen. Aber – und das ist die eigentliche Message des Vortrags – warum gehen wir nicht in gemeinsames Risiko? Das heißt, die Bezahlung unserer Arbeit, ob nun auf Honorabasis oder gemeinsames, wirtschaftliches Handeln auf Zeit, begründet das, was wir miteinander tun.

In diesem Fall habe ich etwas zu verlieren und mein Gegenüber auch. Wir haben aber auch beide etwas zu gewinnen.

Sagen wir mal, es geht um Lead Generierung. Natürlich kann ich mein Geld an Leads koppeln. Ich kann aber auch hingehen und sagen: “Okay, lass uns doch zusammen ein Portal gründen und irgendeine Art von Content anbieten. Dort investieren wir beide und wir beide leben letztlich mit dem, was dabei herauskommt.” Dann habe ich einen ganz anderen – wie heißt es so schön in der Serie Suits? – Leverage. Ich kann also sagen: “Na gut, wir können das so machen, dann ist es halt scheiße und verdienen beide kein Geld.”

Also die gemeinsame wirtschaftliche Verantwortung führt, glaube ich, per se zu Augenhöhe. Das ist eins der Modelle, über die ich in diesem Vortrag geredet habe.

Sehr spannend. Wie gesagt, wir gehen da voll mit. Wir leben diese Philosophie auch mit unseren Kunden und bekommen als Rückmeldung aber auch genau das wieder. Das ist ein cooles Arbeiten. Jeder möchte eigentlich genau das. Anderes Thema: Du bist Mit-Herausgeber des Buchs: “Social Business”. Direkt zu Beginn im Kapitel “Social Business in Zahlen” hast du recht optimistisch von einigen McKinsey-Studien berichtet und dabei den Trend Social Business angesprochen. Die Veröffentlichung ist jetzt 4 Jahre her. Hat sich deiner Meinung nach in der Wahrnehmung von Social Business irgendetwas geändert?

Es ist definitiv Realität. Ich glaube aber nicht so, wie wir es immer gerne hätten. Sagen wir mal so: Ich bin heute hier mit 2025 AD, einer Initiative von Continental. Ich kenne mittlerweile alle drei großen Automobilzulieferer in Deutschland. Jeder von denen hat mittlerweile Ansätze, die genau in diese Richtung gehen. Die haben also ihre Collaboration Umgebung, die haben neue Arten miteinander zu arbeiten. Bei Conti ist es zum Beispiel der Harald Schirmer, der dort wahnsinnig viel macht. Bei Bosch und ZF sind es andere. Es gibt von den großen Unternehmen fast keines mehr, das nicht irgendeine Form von Social Intranet nutzt und nicht irgendwie versucht Hierarchien umzustellen und agil zu arbeiten. Ich habe gerade eben auf Twitter gesehen, dass es sogar hier auf dem Barcamp eine große Diskussion unter dem Hashtag “Boschmenschen”. Ich glaube, die sitzen in Hildesheim. Eine Vertreterin von Bosch stellt hier dieses “Working out loud” Konzept vor. Da geht es ja im Grunde um das interne Networking, aus Fehlern und von anderen lernen etc.

Das machen die bei Bosch mittlerweile schon recht lange. Ich habe jetzt keine aktuelle Statistik im Kopf, aber so wie ich das erlebe – sowohl bei großen Industrieunternehmen in Deutschland als auch vielen Agenturen, in denen das sicherlich auch bei euch angekommen ist – ist das etwas, was sich bestätigt hat. Wenn du das gerade so sagst, kann ich darauf ja durchaus stolz sein.

Wagst du für uns einen kleinen Blick in die Zukunft? Was wird im Digitalen noch passieren? Wird es noch wichtiger, als es jetzt schon ist?

Ich schreibe gerade an einem anderen Buch, dafür kann ich ja gleich mal Werbung machen. Es wird “Digital Happiness” heißen. Nach über 20 Jahren als Agentur-Geschäftsführer komme ich jetzt so aus einem großbürgerlichen Vorstadtumfeld. Wenn du da lebst und auf Elternveranstaltungen bist, dann ist das Schlimmste, was einem Kind passieren kann, dass es zu lange am iPad hängt. Du hörst dann so Sachen wie: “Das ist doch schlimm. Die gehen gar nicht mehr raus.” oder “Die bewegen sich kaum noch” usw.

Ich bin so ein Stück weit schon als Nerd geboren und habe deswegen immer schon versucht, ein wenig entgegenzuhalten. Ich habe versucht, meine Kinder schon sehr früh damit vertraut zu machen. Ich habe zum Beispiel schon ganz früh mit meiner Tochter, die mittlerweile 12 Jahre alt ist, so kleine Mini-YouTube-Channels unter Ausschluss der Öffentlichkeit gemacht.

Was mich genervt hat und weswegen ich dieses Buch schreibe ist: Es werden in Deutschland wahnsinnig viele Risiken und wahnsinnig viele Chancen gesehen. In dem Buch versuche ich der Frage auf den Grund zu gehen: “Wie kann ich das typische Familienleben, in dieser Familienzeit von 35 bis 45, mit Hilfe von digitalen Medien viel angenehmer machen?”

Das heißt, wie kann ich als Elternteil, der zuhause bleibt meine Karriere trotzdem vorantreiben? Natürlich indem ich zum Beispiel LinkedIn nutze. Wie kann ich mit meiner Familie in Kontakt bleiben? Ich schicke morgens mal irgendeine kleine, nette Botschaft an meine Oma oder an meine Mutter, die vielleicht 200 Km entfernt wohnt, denn ich möchte ihr einfach eine Freude machen.

Es gibt unglaublich viele kleine Dinge, die helfen, besser zu leben, wenn ich digitale Medien anständig nutze. Wenn ich das jetzt – um endlich auf deine Frage zurückzukommen und mit der Werbung aufzuhören – quasi extra poliere, dann werden wir irgendwann dieses Digital-Thema als solches nicht mehr haben, weil wir merken, dass in jeder Ecke unseres Alltags digitale Medien, Internet of Things oder wie hier autonomes Fahren sich mit unserem Leben verweben.

Alexa ist zum Beispiel bei uns Teil der Familie. Sie hat sogar einen eigenen Spotify-Account, damit sie meine Playlist nicht versaut. Diese Dinge werden halt so sehr Bestandteil unseres Lebens werden, dass wir das als einzelnes Thema gar nicht mehr thematisieren. Mit der Gefahr – das erleben wir jetzt mit der DSGVO-Diskussion – dass wir uns zu manchen Dingen vielleicht nicht mehr genügend Gedanken machen.

Ich glaube also, es wird verschwinden, es wird unter die Oberfläche gehen und es wird überall sein. Wir dürfen trotzdem nicht vergessen, dass dahinter am Ende ein Haufen Server stehen, über die irgendjemand die Hoheit hat, der wiederum irgendetwas damit tut. Das müssen wir auf jeden Fall weiter im Auge behalten.

Letzte Frage: Du schreibst auf deiner Website, dass du sehr hart daran arbeitest, immer die richtigen Fragen zu finden. Hast du sie mittlerweile schon gefunden?

Ja, das ist keine schlechte Beobachtung. Am Ende bin ich dahin gekommen, dass es wichtig ist, den Status Quo grundsätzlich in Frage zu stellen. Also ich habe einerseits auch Spaß am Status Quo. Ich stürze mich gerne was Neues hinein. Wenn andere abends auf Zalando kaufen, gehe ich eben in den App Store oder in den Play Store. Das mache ich wirklich gerne. Ich habe gerne neue Technologien oder Programme und bin gerne mittendrin. Ich möchte halt nichts verpassen. Das ist schon so ein bisschen FOMO [fear of missing out; Anm. d. Red.], was das Digitale angeht.

Das hat auch damit etwas zu tun, dass ich mittlerweile 3 Kinder habe. Es ist wichtig, dass du bei der Hälfte mal kurz inne hältst und dich fragst: “Brauche ich das?” Das ist eine dieser wichtigen Fragen. “Was bedeutet das für meine Zukunft?” und “Was bedeutet das für meine Kinder, wenn ich nicht mehr da bin?” Das sind für mich die drei wichtigsten Fragen rund um das Thema digitale Entwicklung.

Ich mache immer erstmal jeden neuen Trend gerne mit. Ich bin immer lieber erstmal dabei, als daneben. Nehmen wir mal autonomes Fahren oder Alexa… Ich versuche mir dann aber auch einen Zettel hinzuhängen und zu sagen: “Jetzt wird es mal Zeit zu fragen, was bedeutet das für mein Leben und das Leben meiner Kinder und das der Gesellschaft?”

 

Philipp ist Social Media Ninja im E-Team und kümmert sich (fürsorglich) um den Content auf unserem Blog und unsere anderen sozialen Kanälen. Zudem bringt er als passionierter Schlagzeuger einer Countryband nebenbei ein wenig Redneck-Vibes ins Büro – yeeeehaaaaww!

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