Stephan Giesler vom Continental-Projekt 2025 AD im Interview zum Thema autonomes Fahren auf dem Barcamp Hannover 2018

Stepahn Giesler hat beim Automobil-Riesen Continental eine spannende Aufgabe. Er ist Head of Digital Innovation Dialogue. In den Dialog tritt er zusammen mit seinem Team momentan vor allem über die Website 2025ad.com. Hier können sich Unternehmen, aber auch Privatmenschen zum Thema autonomes Fahren austauschen. Wann denn nun selbstfahrende Fahrzeuge zum Alltag werden, wie weit die Technologie ist und wie sie sich auf die Gesellschaft auswirkt, hat Stephan uns im Interview auf dem Barcamp Hannover erzählt.

Stephan, erzähl doch mal: Wer bist du, was machst du?

Ja, ich bin Stephan Giesler. Ich arbeite bei Continental, dem großen Automobilzulieferer, der als Reifenhersteller bekannt ist, aber tatsächlich auch ganz viel Auto-Elektronik macht. Das ist unser größtes Geschäftsfeld. Ich bin dort verantwortlich für den Bereich Digital Innovation Dialogue, das heißt für den Dialog, in den wir mit der Öffentlichkeit zum Thema Innovation und innovative Technologien treten wollen.

Im Moment betrifft das zum größten Teil das Thema automatisiertes Fahren, insbesondere die Website 2025ad.com.

Und das ist ein sehr spannendes Thema. 2025 AD – das AD steht für Automated Driving. Was genau steht denn hinter diesem Projekt bzw. dieser Website? Was ist euer Ziel?

Also wir bei Continental haben uns gedacht, dass dieses Thema automatisiertes Fahren einfach so einen Riesen-Einfluss auf die Gesellschaft haben wird. Es wird so vieles verändern, dass es darüber einfach eine gesellschaftliche Meinungsbildung braucht, weil wir heute noch gar nicht vorhersagen können, welche Veränderungen dadurch überhaupt alle in Erscheinung treten. Wir sehen die Veränderungen natürlich zum großen positiv, aber man muss sich auch über die Risiken, Sorgen oder Ängste der Menschen bewusst sein.

Diese Sorgen müssen wir einfach ernst nehmen. Wir müssen davon lernen und vor allem zuhören. Insofern haben wir diese Website ins Leben gerufen, um diesen gesellschaftlichen Dialog zu unterstützen und zu fördern. Wir laden alle dazu ein, also ob es jetzt Wirtschaftsunternehmen aus der Automobilbranche, Politiker oder auch Privatpersonen oder automobile Enthusiasten sind. Jeder ist eingeladen, um auf Augenhöhe einen Dialog oder eine Diskussion über dieses Thema “automatisiertes Fahren” zu führen – mit allen Wünschen, die die Menschen haben, Sorgen und Vorstellungen. Wir wollen sie dort einfach abholen.

Ein Ziel von automatisiertem Fahren ist ja, dass man Zeit gewinnt. Was würdest du denn mit der ganzen Zeit, die du dadurch bekommst, machen?

Oh, ich glaube, ich würde wahrscheinlich ehrlich gesagt eine ganze Menge schlafen. Das ist immer gut. Ansonsten bin ich zum Beispiel auch passionierter Bahnfahrer und kann sehr gut sitzen, aus dem Fenster schauen und einfach die Gedanken schweifen lassen. Damit kann ich viel Zeit verbringen und dazu richtig schön Musik hören. Das kann ich mir sehr gut vorstellen.

Ich bin aber ehrlich gesagt sowohl Workaholic als auch Perfektionist, das heißt, mein Wunschdenken ist, dass ich dort sitze, entspanne und höre klassische Musik. Fakt ist jedoch wahrscheinlich, ich sitze da und arbeite, aber alles das kann ich mir vorstellen.

Wir alle kennen die Situation, in der wir selber richtig gerne fahren. Natürlich gibt es die. Auch ich habe Spaß daran, mit einem schnellen Auto zu fahren, aber ich glaube, ich und viele andere Menschen können auch gut loslassen. Wenn man sich so umschaut und die Frage stellt: “Wollen die Leute überhaupt unbedingt Auto fahren?”, dann sagen ganz viele bei der Frage, ob sie automatisiertes Fahren gut oder schlecht finden erstmal: “Oh mein Gott, automatisiertes Auto. Nein, nein, nein. Ich will doch selber fahren!”

Dann denke ich: “Okay, verstehe ich bis zu einem gewissen Grad!, aber wenn man sich im Straßenverkehr umschaut, dann sieht man, dass das ja nicht so ganz stimmen kann. Die Leute sitzen hinterm Steuer und tippen auf ihrem Smartphone herum. Offensichtlich ist das also spannender, als Fahren.

Das ist richtig. Viele ärgern sich ja auch im Verkehr.

Viele ärgern sich, genau. Die sitzen da und bekommen einen Wutanfall. Wenn man im Stau steht, finden das alle doof. An der Ampel stehen finden auch alle doof. Dann fährst du nachts bei Regen und Nebel und auch das findet jeder doof. Also ich sage nicht, dass es keine Situationen gibt, in denen man selber gerne fährt, ich glaube aber, dass sie oft überbewertet werden. Die Leute haben offensichtlich die Sorge, dass sie plötzlich entmündigt werden. Das ist einfach nicht der Fall, aber das ist zum Beispiel eine ganz wichtige Rückmeldung, die wir mit unserer Plattform 2015 AD gewinnen und qualifizieren können.

Wenn alles irgendwann richtig funktioniert, ist ja der Vorteil, dass das Fahren sicherer und effizienter wird. Bis dahin wird aber vermutlich noch ein wenig Zeit vergehen. Ist 2025 denn realistisch?

Also wir haben die Zahl ja nicht aus dem Nichts gegriffen. Das ist der Zeitpunkt, an dem wir erwarten, dass ein vollständig automatisiertes Fahren in einem bestimmten Fahrszenario – wir erwarten da als erstes das Fahren auf der Autobahn – möglich sein wird.

Das heißt, ich fahre auf die Autobahn, schalte den Fahr-Assistenten ein und ab diesem Moment kann ich mich voll auf etwas anderes konzentrieren. Ich kann Zeitung lesen, ich kann schlafen oder irgendwas anderes machen und das Auto fährt vollkommen selbstständig. Wenn es nicht mehr weiter wissen sollte, dann fährt es auf sichere Art und Weise rechts ran. Ich kriege eben nicht mehr plötzlich die Anforderung: “Oh, jetzt musst du sofort übernehmen, denn ich schaffe es nicht mehr” aus Sicht des Autos.

Ich kann mich dann also voll auf etwas anderes konzentrieren bis das Auto von der Autobahn wieder abfährt. 2025 ist der Zeitpunkt, an dem wir erwarten, dass das möglich sein wird – also das erste Mal eine völlig autonome Erfahrung in einem bestimmten Fahrszenario. Wir reden hier nicht über Stadtverkehr.

Ich glaube, man muss da sehr vorsichtig sein. Die Zahlen überschlagen sich ja bei dem Thema, wer schon in 4, 3, 2, in einem Jahr oder am besten morgen schon erwartet, dass alle Autos autonom unterwegs sind. Bis jetzt sind wir recht gut damit gefahren, zu versuchen realistisch zu bleiben. Das wird von den Leuten, die sich in der Branche bewegen auch sehr gut honoriert.

Es ist ja aber auch nicht nur eine Frage der Technik, sondern auch eine der Gesellschaft. Das hast du auch selbst schon angesprochen. Meinst du, die Leute sind bis 2025 schon so weit, dass sie vielleicht keine Bedenken mehr haben?

Also, dass die Leute gar keine Bedenken haben, das wird so nicht passieren, denn wir reden hier über eine neue Technologie. Jede neue Technologie muss sich erstmal durchsetzen, gerade wenn sie so einen Riesen-Impact wie autonomes Fahren hat. Es ist ja nicht so, als würde ich mir ein neues Handy kaufen. Das ist ja nichts Besonderes mehr, obwohl auch das Handy die Gesellschaft ja wirklich radikal verändert hat. Das betrifft aber das Kommunikationsverhalten. Es ist jetzt nicht lebensgefährlich, sozusagen, wie ein Auto. Das sind eben eineinhalb Tonnen Stahl, die durch die Gegend fahren. Da muss man schon sehr genau überlegen und es ist auch völlig verständlich, wenn die Leute natürlich stutzig sind und zurecht erwarten, dass das 300% sicher ist und getestet wurde. Das ist völlig richtig.

Insofern erwarte ich nicht, dass im Jahr 2025 die Leute alle frohen Mutes hineinspringen und sagen: “Yes, wir fahren jetzt alle nur noch begeistert und vertrauen unser Leben ohne Weiteres einer künstlichen Intelligenz an.” Natürlich wird es Leute geben, die machen das erst später. Es wird auch Innovatoren geben, die das schon früher machen. Es gibt ja solche Innovationskurven, da kann man das ganz gut sehen.

Kommen wir zur letzten Frage. Unser CEO Ernest war letzten Monat bei Google im Silicon Valley. Das Hauptthema dort waren zu diesem Zeitpunkt dort digitale Assistenten – auch in Fahrzeugen. Wie könnte eine Integration eines digitalen Assistenten, wie Google Home oder auch Amazon Echo aussehen? Wird das überhaupt passieren?

Also passieren wird das auf jeden Fall. Ich habe gerade vor einer Woche eine Zahl gehört, an die ich mich jetzt nicht 100%ig erinnere, aber sie war völlig irre und hat mich total überrascht. Ich glaube, bis zum Jahr 2020 erwartet man, dass 80% aller menschlichen Interaktionen über Voice Control stattfinden.

Aus diesem Grund wird auch sowas passieren. Wenn die Technologie selbstfahrende Autos schaffen kann, dann wird sowas das geringste Problem sein – ob das jetzt sprachgesteuerte Eingaben sind, wo man hin will, welchen Musiktitel man hören will oder mit wem man jetzt per Videotelefonie kommunizieren will. Das alles wird meiner Meinung nach alles auf jeden Fall kommen. Das Tippen wird tatsächlich immer weniger werden, und wenn, dann auf irgendwelchen grafischen Boards, um ein Ziel auszuwählen oder so.

Ich würde behaupten, dass das meiste dann aber über Sprachbefehle gehen wird.

Philipp ist Social Media Ninja im E-Team und kümmert sich (fürsorglich) um den Content auf unserem Blog und unsere anderen sozialen Kanälen. Zudem bringt er als passionierter Schlagzeuger einer Countryband nebenbei ein wenig Redneck-Vibes ins Büro – yeeeehaaaaww!

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